Alleine reisen ist für mich etwas ganz besonderes, auf was ich nicht verzichten möchte. Doch viele können das nicht nachvollziehen, aus ganz verschiedenen Gründen.
Oft werde ich schräg angeschaut, wenn ich davon erzähle, dass ich alleine auf eine Reise gehe. Manchmal schwingt sogar ein bisschen Mitleid mit. „Hast du denn niemanden, der mit dir mitkommen möchte?“, werde ich manchmal gefragt.
In diesem Blogbeitrag möchte ich darauf eingehen, warum das alleine reisen für mich so wertvoll ist, welche Reisen ich nicht alleine unternehmen würde und wie ich mit bestimmten Herausforderungen umgehe.
Mein erstes Mal alleine reisen
Allein und doch gemeinsam in Südamerika
Als ich 2018 nach Südamerika ging, war meine beste Freundin an meiner Seite. Ursprünglich wollten wir alles gemeinsam machen. Doch nach den ersten Wochen stellten wir fest, dass wir teilweise unterschiedliche Dinge wollten.
So entschieden wir uns für ein Konzept, was perfekt für uns war. Einen Monat verbrachten wir gemeinsam, einen Monat machte jeder sein Ding und den nächsten Monat trafen wir uns wieder. So zogen wir das über die gesamte Zeit durch.
Ich bin sehr dankbar, dass wir uns dafür entschieden haben. Den ersten Monat alleine verbrachte ich an meiner neuen „Base“ in Iquique in Chile. Ich hatte noch nie Probleme gehabt, neue Leute kennenzulernen. Doch diese Situation war eine neue Herausforderung für mich.
Ich lebte einen Alltag mit einem festen Job. Mit anderen Reisenden hatte ich somit nicht wirklich Kontakt. Ich wohnte auch nicht in einem Hostel, wo ich zwangsläufig auf andere getroffen wäre. Außerdem waren meine Spanisch-Kenntnisse wirklich noch sehr rudimentär.
Doch ich nahm diese Herausforderung an, probierte vieles aus und lernte schließlich über eine App (nein – kein Tinder) Janis kennen, die in Iquique lebte. Sie wurde schnell zu einer wirklich guten Freundin und nahm mich überall mit hin. Bald wurde ich auf Geburtstagspartys schon erwartet und jeder wusste genau, wer ich bin. So entstand ein ganzes Netzwerk aus Kontakten, die teilweise bis heute bestehen.
Alleine auf Tour in Argentinien & Brasilien
So richtig alleine gereist bin ich dann im April 2019 zum ersten Mal. Nachdem ich Iquique schweren Herzens verlassen hatte, reiste ich zwei Wochen lang durch Argentinien und Brasilien. Ich erkundete Buenos Aires, die Iguazú Wasserfälle und schließlich Rio de Janeiro, bevor es zurück nach Deutschland ging.
Diese Zeit war ziemlich intensiv. Mir war bewusst, dass ich mich verändert hatte und es nicht leicht sein würde, zurück nach Deutschland zu gehen. Es ließ sich nicht leugnen, dass schwerwiegende Entscheidungen bevorstanden, vor denen ich nicht weglaufen konnte. Mein ganzes Lebenskonzept stand auf dem Prüfstand.
Es war nicht leicht, in dieser Situation alleine zu reisen. So gab es keine Ablenkung und ich war gezwungen, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Doch genau das war so wichtig für mich.
Natürlich knüpfte ich dennoch Kontakte und verbrachte Zeit mit tollen Menschen, die ich unterwegs kennenlernte. Diese unbeschwerte Zeit zwischendurch tat mir sehr gut. Es hat wieder Leichtigkeit rein gebracht in die Schwere meiner eigenen Gedanken und Entscheidungen. Ich lernte in diesen zwei Wochen noch einmal ganz anders, auf mich selbst zu hören und intuitiv dem nachzugehen, was gerade wichtig ist.


Alleine reisen - wann kann ich es empfehlen
In Südamerika habe ich das alleine reisen für mich entdeckt und bin seitdem schon oft wieder auf ganz eigene Faust unterwegs gewesen – unter anderem in Slowenien, Finnland und Thailand.
Dennoch reise ich natürlich auch sehr gerne mit Freunden und vor allem auch mit Freddy. Es kommt immer ganz darauf an, was meine Intention für eine Reise ist.
Reisen & Arbeiten - die klassische Workation
Wenn ich reisen und arbeiten verbinden möchte, tue ich dies gern entweder mit Freunden, die ebenfalls arbeiten wollen bzw. müssen oder reise allein. So kann ich mir meine Zeit wirklich selbst einteilen und ganz frei entscheiden, wie viel ich tatsächlich arbeiten möchte.
Ich bin auf diese Weise super kreativ und kann hervorragend neue Projekte ins Leben rufen. So ein Tapetenwechsel wirkt bei mir wahre Wunder. Mein Kopf sprudelt voller neuer Ideen, die gar nicht erst auf die lange Bank geschoben werden, sondern sofort in die Umsetzung kommen. Zuhause kommt bei mir oft das Leben dazwischen und solche Dinge dauern meist viel, viel länger.
Schwierig wird es, wenn ich arbeiten möchte und mit Menschen zusammen reise, die wirklich Urlaub haben – ohne Laptop. Das funktioniert für mich nicht so gut. Wenn jemand dran hängt, der immer auf mich warten muss und richtig was erleben möchte, setzt mich das unter Druck. Es müssen grobe Pläne aufgestellt werden, wann man etwas gemeinsam macht und wann auch mal Zeit für einen längeren Ausflug ist. Letztendlich schränkt es mich ein und ich habe das Gefühl, beiden Seiten nicht wirklich gerecht zu werden – weder meiner Arbeit, noch dem Reisen.
Sich selbst finden auf Reisen
Gleich vorab: Ich bin kein Fan von klassischen Selbstfindungs-Trips. Ich habe schon oft Menschen getroffen, die sich so verzweifelt selbst gesucht haben auf Reisen, dass sie immer frustrierter wurden. So war das Ergebnis meist nicht das erhoffte.
Dennoch habe ich für mich herausgefunden, dass das Alleine-Reisen perfekt ist, um den Kopf frei zu bekommen. Ich war schon oft in herausfordernden Lebenssituationen, in denen ich vor schwierigen Entscheidungen stand. Oder in denen ich gemerkt habe, ich drehe mich im Kreis und komme nicht weiter. Situationen, in denen ich irgendwie unzufrieden war, aber zuhause nicht raus gekommen bin. In meinem gewohnten Umfeld mit zahlreichen alltäglichen Ablenkungen.
Dabei hat es mir selbst wahnsinnig viel gebracht, auf eine Reise zu gehen. Wo ich nur für mich bin und ganz bewusst Zeit mit mir verbringen kann. Wo ich ohne Druck herausfinden kann, was ich wirklich möchte. Mit einer Kokosnuss am Strand sitzend und den Sonnenuntergang beobachtend, habe ich schon viele gute Entscheidungen getroffen, weil plötzlich alles ganz klar zu sein schien.
Zeit für besondere Hobbys
Alleine reisen kann auch richtig toll sein, wenn man endlich mal den eigenen Hobbys uneingeschränkt nachgehen möchte. Natürlich geht das auch super mit Menschen, die die eigene Leidenschaft teilen. Aber nicht immer hat man diese im eigenen Umfeld oder sie haben keine Zeit für eine gemeinsame Reise.
Ich liebe es, zu tauchen. Dieser Leidenschaft kann ich nur auf Reisen nachgehen. Wenn ich mit Freddy reise, der nicht taucht, kann ich natürlich mal ein paar Tauchgänge einplanen, aber natürlich in einem ganz anderen Umfang, als wenn ich alleine reise. Als ich im April/Mai 2023 alleine in Thailand war, habe ich von den Inseln teilweise wenig gesehen, weil ich jede freie Minute unter Wasser war. Mit einem nicht so tauchbegeisterten Reisepartner hätte das wahrscheinlich anders ausgesehen.
Freddy ist ein leidenschaftlicher Fotograf. Wenn er mit mir zusammen reist, hat er natürlich auch immer die Kamera dabei, aber der der Fokus ist etwas anders. Reist er alleine, widmet er sich der Fotografie in einem anderen Maß. Auf Madeira ist er jeden Morgen früh aufgestanden und zur Ostküste zu fahren, um den Sonnenaufgang zu fotografieren. jeden Abend verbrachte er an der Westküste – für den Sonnenuntergang. Dazwischen klapperte er diverse Fotospots ab, die er zuvor recherchiert hatte.
Wann ich nicht alleine reisen würde
Möchte ich ein Land intensiv erkunden, Abenteuer erleben und viel unterwegs sein, finde ich es toll, in Gesellschaft unterwegs zu sein. Je nach Reiseart kann das auch deutlich günstiger sein – so teilt man sich zum Beispiel die Kosten für Mietwagen, Unterkunft und Taxis. Außerdem ist es natürlich auch toll, die Erlebnisse mit jemandem zu teilen. Das verbindet meiner Meinung nach ungemein.
Nicht immer findet sich im eigenen Umfeld jemand für eine bestimmte Reise. Dann reise ich auch gern alleine los und suche mir dann unterwegs eine Begleitung für verschiedene Ausflüge. So sind schon richtig tolle Freundschaften entstanden.
Auf mehrtägigen und anspruchsvollen Trekkingtouren bin ich auch nicht so gerne alleine unterwegs. Hier schätze ich es, gute Freunde bei mir zu haben. Wenn man doch mal einen kleinen Unfall hat, ist es doch sehr wertvoll, nicht alleine zu sein – gerade, wenn man in den Bergen unterwegs ist und keinen Empfang hat. Außerdem ist es schön, sich gegenseitig zu motivierten und die Erfolge gemeinsam zu feiern. Wichtig ist mir, dass man auch mal längere Zeit gemeinsam schweigen und den eigenen Gedanken nachhängen kann.


Alleine zuhause vs. alleine reisen
Man könnte meinen, allein sein ist immer gleich – egal ob zuhause oder auf Reisen. Das würde ich nicht so unterschreiben. Meiner Meinung nach ist das tatsächlich etwas ganz anderes.
Zuhause hat man sein gewohntes Umfeld. Das gibt einem auf der einen Seite Sicherheit, auf der anderen Seite aber auch ziemlich viele Ablenkungen. Man hat immer etwas zu tun – sei es, die Wohnung zu putzen, den Schreibtisch mal wieder aufzuräumen oder die Fenster zu putzen. Man kommt selten dazu, die Gedanken mal baumeln zu lassen.
Auf Reisen ist das etwas anderes. Zum einen fehlt diese Geborgenheit und Sicherheit, man ist nicht in der eigenen Komfortzone. Andererseits gibt es wenige bis keine alltägliche Aufgaben, mit denen man sich ablenken kann. Es kann schnell Langeweile entstehen, wenn man das zulässt.
Es gibt neue Situationen – zum Beispiel, alleine in ein Restaurant zu gehen. Zuhause würde man das wohl nie tun. Auf Reisen hat man nicht immer eine Hostelküche, sodass eine solche Situation wahrscheinlich ist. Die ersten Male kann es sich etwas seltsam anfühlen und man ist versucht, sich hinter dem eigenen Handy zu verstecken. Doch ich verspreche dir: mit der Zeit bekommst du Routine und wirst es sicher bald genießen.
Geh nicht mit falschen Erwartungen alleine auf Reisen. Sei darauf vorbereitet, dass es sich anders anfühlen wird, als alleine zuhause zu sein. Und sei offen für dieses neue Gefühl, was sich einstellen wird.
Zeit mit dir selbst - Fluch und Segen
Ohne die Ablenkungen des Alltags hast du plötzlich ganz viel Zeit mit dir selbst. Und das kann sowohl richtig cool, als auch mega ätzend sein.
Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass diese Zeit mit sich selbst nur dann wirklich schön sein kann, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Wenn man sich selbst richtig gut leiden kann, macht es total viel Spaß, alleine zu sein. Ist das nicht der Fall, wird es eher schwierig.
Dann können die verschiedensten, belastenden Themen hochkommen und einen richtig quälen. Ich sag dir aus eigener Erfahrung: das kann richtig, richtig nervig sein. Allerdings bringt es oft auch das zum Vorschein, wo du eventuell nochmal genauer hinschauen darfst, um die Beziehung zu dir selbst zu verbessern.
Niemand sagt, dass das einfach ist. Aber ich bin mir sicher, dass es sich lohnt. Vielleicht findest du auf diesem Weg heraus, was dich in deiner jetzigen Situation so richtig nervt und was du gern verändern würdest. Im Alltag verdrängen und ignorieren wir sowas gern, oft auch unbewusst. Doch wenn du alleine reist, kann genau das ans Licht kommen. Vielleicht tut es erstmal weh, doch ist dann ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg zu dem Leben, was du wirklich führen möchtest und was dich richtig glücklich macht.


Meine Empfehlung für dich
Wenn du noch nie alleine gereist bist, es zwar gern mal probieren würdest, aber dir noch ein bisschen unsicher bist, habe ich einen Rat für dich: Taste dich erstmal langsam ran.
Starte nicht gleich mit der dreimonatigen Auszeit am anderen Ende der Welt. Vielleicht ist es einfach ein Wochenendtrip in eine andere Stadt. Du kannst es auch mit einer Reise mit Freunden verbinden, indem du zum Beispiel ein paar Tage früher anreist als dein Travel-Buddy . So kannst du es mal für dich testen und hast aber die Sicherheit, dass bald eine bekannte Person bei dir ist. Oder wenn ihr beide es mal testen wollt, könnt ihr zwischendrin einfach mal ein paar Tag getrennt verbringen und euch dann austauschen, wie es für euch war.
Finde deinen ganz eigenen Weg. Teste ein bisschen aus, was dir gut tut und was nicht. Und auch, wenn die erste Reise sich komisch anfühlt, probiere das nächste Mal vielleicht einfach etwas anderes aus. Schau mal, welche Gefühle hochkommen und wie du mit ihnen umgehen möchtest.
Und ganz wichtig: Setz dich nicht selbst unter Druck!
Gib dir die Zeit, die du brauchst. Nimm die Erwartung raus und vergleiche dich nicht mit anderen. Du bist ganz individuell und es ist auch völlig okay, wenn es für dich nicht das Richtige ist, alleine zu reisen.
Sei offen für neue Erfahrungen, ohne feste Erwartungen zu haben. Bleib neugierig und tu das, was DIR gut tut – ganz egal, was die anderen sagen.


